Am Freitag, 17. Juni 2011, hatte die Wilhelm-Kraft-Gesamtschule Gäste vom Oranin College of Education (das ist in Kiryat Tiv'on, einer Stadt im Norden Israels) einer Hochschule für Lehrerausbildung in Israel. Naama, die Mathematik und Physik studiert, Liron und Basila, angehende Lehrerinnen für Sonderpädagogik und ihre Dozentin Vardit Makler waren über ein Austauschprogramm der Evangelischen Fachhochschule in Bochum nach Deutschland gekommen. Uns besuchten sie dank der Vermittlung von Lena Hilgendiek, die bis Februar 2011 ein Praxissemester für Soziale Arbeit an unserer Schule absolvierte. Lena hatte ihrerseits im letzten November an dem Austauschprogramm teilgenommen und Israel bereist und war nun als Begleiterin mit dabei. Es fiel auch gar nicht schwer, bei uns die geeigneten Kooperationspartner zu finden, deren Unterricht besucht werden konnte. Herr Klinke lud die Gäste in seinen katholischen Religionsunterricht in 8 und 10 ein und Frau Kersting-Amling hatte mit ihrem Englisch-E-Kurs in 10 viele Fragen vorbereitet.
Frau Kersting-Amling berichtet dazu:
Der Besuch einer Gruppe israelischer Studentinnen mit ihrer Dozentin im Englischunterricht meiner Lerngruppe in der 10. Klasse erwies sich als ein echtes Highlight unseres Unterrichts - nicht nur, weil die Schülerinnen und Schüler, fast zu ihrer eigenen Überraschung, feststellen konnten, wie gut sie inzwischen in der Fremdsprache kommunizieren können, sondern auch, weil hier interkulturelles Lernen in einer Realsituation stattfand.
Zunächst wurden noch ein wenig zögerlich Small-talk-Fragen wie „How do you like our German food?” „What is school like in Israel?” gestellt. Die Gäste gaben freundlich und umfassend Auskunft und die anfänglichen Sprechhemmungen lösten sich schnell auf.
Das Diskussionsklima war so gut und angeregt, dass die Jugendlichen auch wagten, komplexere Fragen z. B. zur politischen Situation zu stellen. Felix wollte wissen: „Are afraid of bombs and terrorist attacks every day? How often do terrorist attacks happen?” Die Gruppe erfuhr, dass unsere Bild vom Leben in Israel intensiv durch die Sensationsmeldungen der Medien geprägt ist und dass die Studentinnen sich keineswegs täglich vor Selbstmordattentätern fürchten.
Eine andere interessante Information war, dass alle israelischen Jugendlichen - Mädchen oder Jungen - Wehrdienst machen müssen und dass sie sich dem nicht entziehen können.
Bezogen auf die aktuelle politische Situation fragte Julian, wie die Meinung der Besucher zu einem autonomen Palästinenserstaat sei, und erfuhr, dass die Menschen in Israel unterschiedlicher Meinung zu diesem Thema sind. Viele sind der Ansicht, dass ein friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern anzustreben ist, andere sehen den Weg eher in einer Trennung. Schließlich stellte Victoria die Frage, wie es für die Gruppe sei, sich in Deutschland aufzuhalten, wo die Juden während der Nazidiktatur verfolgt und ermordet worden seien. Die Besucher berichteten, dass viele Menschen der älteren Generation noch Ressentiments hätten, weil sie in ihren Familien Opfer des Terrors zu beklagen hätten, dass aber jüngere Menschen eine offene Einstellung zu Deutschland und den Menschen hier hätten.
Nach 45 Minuten musste die angeregte Diskussion beendet werden, weil die Besucher andere Verpflichtungen hatten. Die Schülerinnen und Schüler hätten noch stundenlang weiterfragen können. Als ihre Lehrerin war ich begeistert von ihrer Sprachkompetenz, von dem Takt und der Sensibilität, die in ihren Formulierungen deutlich wurde und von ihrer Offenheit und ihrem deutlich spürbaren Interesse. Mir ist deutlich geworden, wie wertvoll Realkontakte mit Menschen aus anderen Ländern zum Erwerb von interkultureller Kompetenz sind und dass unsere Schule viel häufiger solche Möglichkeiten eröffnen muss.
Ich bin den Besuchern aus Israel sehr dankbar, dass sie meine Lerngruppe besucht haben.
Anschließend informierten sich die vier noch über die Aufgaben der Schulsozialarbeit an unserer Schule, die sie in der bei uns üblichen Form nicht kannten und sie nutzten die Gelegenheit, sich einen Teil der Räumlichkeiten anzuschauen. Auch für den Namensgeber Wilhelm Kraft interessierten sie sich. Alles in allem war es ein spannender und informativer Austausch, von dem beide Seiten sehr angetan waren.
Christine Niephaus



